
Lena war bei ihrer Großmutter zu Gast. Sie sah ihre Oma nicht besonders oft, meist nur ein-, zweimal im Jahr. Die vielen Verpflichtungen: Arbeit, Freunde, Urlaub, ... da blieb ihr nicht mehr viel Zeit, um die alte Frau zu besuchen. Dabei war sie als Kind oft hier gewesen und sie hatte ihre Aufenthalte immer genossen.
Lena war erschrocken, als sie die Großmutter sah, denn plötzlich schien sie gealtert zu sein. Sie hatte viel von ihrer Mobilität verloren, ihr Haar war richtig weiß geworden und ihre Stimme schien pergamentartig, brüchig und spröde.
Doch ihre Augen waren noch voller Leben und ihr Geist sprühte voll jugendlichem Esprit.
Da saßen sie also bei Kaffee und Kuchen und auf einmal hatte Lena einen Gedanken, den sie laut aussprach: „Oma, woher weißt du,
dass die Entscheidungen die du in deinem Leben getroffen hast, die richtigen waren?“
Die Großmutter lächelte ihr Jungmädchenlächeln und griff mit überraschender Kraft nach Lenas Hand.
„Komm mit, Kind.“ So nannte die Großmutter Lena immer.
„Ich will dir etwas zeigen!“
Sie führte ihre Enkelin in das Schlafzimmer, einen Raum, den Lena seit ihrer Kindheit nicht mehr betreten hatte und der nach Flieder und noch etwas anderem duftete.
Am Nachtkästchen stand eine Schneekugel, die nahm die Großmutter vorsichtig in beide Hände.
„Sieh her, das ist meine Kristallkugel!“
„Aber sagen Kristallkugeln nicht die Zukunft voraus?“, wagte Lena einzuwerfen.
„Die hier ist etwas Besonderes. Sie zeigt dir die Gegenwart“, sagte die Großmutter.
Lena schüttelte den Kopf. Sie war schon zu alt, um an Märchen zu glauben.