
Dienstag, 11.00 Uhr
Die Wärter kommen. „Na, Junge, in zwei Tagen ist es soweit! Jetzt genießt du Sonderprivilegien. Darfst dir aussuchen, was du morgen essen willst. Wie im Restaurant! Vielleicht gibt es ja etwas, was du noch nie gegessen hast, in deinem Leben. Jetzt bietet sich dir die letzte Gelegenheit dazu. Sag uns einfach Bescheid, wenn du es weißt!“ Ein freundschaftliches Klopfen gegen die Gitterstäbe, dann setzen sie ihren Rundgang fort.
Sie sagen immer „Junge“ zu mir. Vielleicht, weil ich im Vergleich zu den anderen Häftlingen hier im Todestrakt verhältnismäßig jung bin. Erst zwanzig. Und mein Leben ist übermorgen vorbei. Ich bin unschuldig, aber das sagen alle
im Gefängnis, und es glaubt niemand.
Ich war kein Musterschüler, habe geraubt, gedealt, sogar wegen Totschlags bin ich verurteilt worden - musste in den Jugendknast - aber ich habe dieses Mädchen nicht vergewaltigt und ermordet. Ich kannte sie flüchtig. Sie hat zwei-, dreimal mit mir geredet, ein bisschen Stoff gekauft. Ich habe verdammt viel Angst vorm Sterben. Habe noch nicht gelebt. Die letzten zwanzig Jahre waren kein Leben. Jetzt, den Tod vor Augen, denke ich darüber nach, was ich noch alles machen wollte. Einen Ferrari fahren, zum Beispiel. Kam nie dazu, einen zu klauen. Ich hätte gern in einem Haus gelebt, wie ein richtig großer Hai, so eines mit Marmorböden und fünf Bädern - ich war auf dem Weg dorthin, ehrlich. Hätte nur etwas mehr Zeit gebraucht, aber die habe ich ja jetzt nicht mehr. Meine Gnadengesuche sind abgelehnt worden. Lag sicher an meinem Anwalt. Der hat sich nie richtig eingesetzt,